Mädchen-Handball: Die JSG Allertal zieht sich aus dem Jugend-Leistungshandball zurück

Auf den ersten Blick erscheinen die Teilnahmen an den Niedersachsenmeisterschaften als großer Erfolg. Hat man zudem mit Maraike Kusian und Amelie Möllmann aktuell zwei Spielerinnen, die sich im Kreise der deutschen Nationalmannschaft der Jahrgänge 2000 und 2002 bewegen. Ergänzt wird die Liste dieser Talente mit Nerea Garcia Simon und Lea-Marie Kosub, die sich in der Landesauswahl des Handballverbands Niedersachsen wiederfinden. Das was in der Saison 2012 / 2013 zunächst als HSG Weyhausen / Tappenbeck / Fallersleben begonnen hat, wurde für die heutige JSG Allertal auch zunehmend zu einem Problem.
Denn die Leistungsmannschaften der JSG Allertal, ein Zusammenschluss aus den Stammvereinen HSG Weyhausen / Tappenbeck, VfB Fallersleben und MTV Gifhorn, nahmen dadurch auch in den höchsten Spielklassen in Niedersachsen teil. Auswärtsfahrten bis an die Nordseeküste oder an die holländische Grenze waren da keine Seltenheit. Die auftretenden Summen zur Finanzierung können nicht so einfach gestemmt werden, wenn parallel dazu auch der Spielbetrieb der zahlreichen anderen Mannschaften mit eingerechnet werden muss. „Dieser Leistungshandball hat professionellen Charakter. Mit Geld allein ist das nicht zu machen, es Bedarf enormen freiwilligen Aufwand von Ehrenamtlichen“, beschreibt Yasin Yavuz, Spartenleiter des VfB Fallersleben und der JSG Allertal, die Situation. „Wir freuen uns natürlich über unsere Talente. Aber dahinter stehen eine Vielzahl anderer Spielerinnen mit ihren Trainern, die ganz zu Recht auch ihren Teil des Kuchens abhaben möchten“.
Doch allein auf die Finanzierung möchte man den Rückzug aus dem Leistungshandball nicht schieben. Denn den Talenten muss auch im Anschluss an den Jugendbereich etwas geboten werden. Hier müsste eine Frauen Oberliga-Mannschaft stehen, besser noch ein Team in der 3.Liga. Letzterer Grund Bedarf wieder enormer finanzieller Mittel. Den Aufstieg in die Oberliga hat man in den letzten Jahren beim VfB Fallersleben nicht umsetzen können. Bedeutet die großen Talente am Ende zu verlieren. „Wir bilden dann nur für andere Vereine aus“, unterstreicht Yasin Yavuz. „Das Mädchen sich zudem eher auf ein Studium oder eine Ausbildung konzentrieren, darf nicht außer Acht gelassen werden. Sie sind dann plötzlich ganz raus“.
Man dürfe natürlich nicht verschweigen, in den letzten Jahren auch Fehler gemacht zu haben. Die Erfolge und Teilnahmen an Meisterschaften hat man nicht für sich genutzt, um in der öffentlichen Wahrnehmung präsenter zu werden und dadurch neue Sponsoren zu akquirieren. Aber auch in sportlicher Betrachtung war man in den letzten Jahren etwas Betriebsblind geworden, hat sich zu lange davon blenden lassen. Man könne durchaus den Begriff des One-Hit-Wunders verwenden, doch habe eine Nachhaltige konsequente Ausbildung insbesondere im Leistungsbereich gefehlt. Eine Erkenntnis die einem nun bitter bewusst geworden ist.
Denn den Mannschaften auf diesem hohen Niveau fehlen für die neue Saison schlicht und einfach neue Spielerinnen. Die Abgänge konnten nicht aus den eigenen Reihen kompensiert werden, da wurde es einfach versäumt jüngere Spielerinnen Jahr für Jahr heranzuführen. Die kurzfristige Verpflichtung von Spielerinnen von anderen Vereinen gestaltete sich in diesem Sommer schwierig. Es ist der immense Aufwand der betrieben
werden muss. „Wir sprechen von drei bis vier Mal Training in der Woche, jedes Wochenende mindestens ein Spiel und das alles neben der Schule, die eindeutig vorgeht“, so Yasin Yavuz. „Und die Eltern müssen mitziehen, sich selbst hinten anstellen“. Mit dem HSV Magdeburg und dem direkten Konkurrenten HSG Hannover-Badenstedt gibt es aber auch zwei Mannschaften, die sich im gleichen Einzugsgebiet umsehen. „Das ist schwierig, da hätten wir selbst mehr machen müssen“.
Zwei Mannschaften aus dem Leistungsbereich der JSG Allertal stünden kurz vor Abmeldung. Zurückziehen werde man die weibliche B-Jugend aus der Oberliga, die zum einem am schwächsten besetzt ist was die Kaderstärke betrifft, die aber auch die höchsten Kosten und Aufwände verursacht. „Mir und den anderen Vorständen blutet das Herz, es gibt wahrlich schönere Momente im Sport“, sagt Yavuz. Als Verantwortliche muss man sich auch der Verantwortung gegenüber Kindern und Jugendlichen bewusst sein. „Wir können die jungen Spielerinnen nicht überbelasten und verheizen, weil am Ende eine Oberligateilnahme auf unserem Briefkopf stehen soll“. Man müsse natürlich auch das große Ganze betrachten, versuchen den Schaden nun gering zu halten und mindestens eine der beiden Mannschaften zu retten. Die verbliebenen Spielerinnen der B-Jugend, sollen die A-Jugend in der Landesliga auffüllen und damit wieder spielfähig machen.
Als herben Rückschritt möchte Yasin Yavuz mitsamt den Vorständen der einzelnen Stammvereine, die Situation nicht verstanden wissen. Denn es geht letztlich darum, Kinder für den Handballsport begeistern zu können und für stetigen Nachwuchs zu sorgen. Und da sieht er die JSG Allertal mit seinen zahlreichen Mannschaften, Kindern und Trainern für die Zukunft sehr gut aufgestellt. „Wir haben äußerst engagierte Trainer, insbesondere bei den Anfängern, die ganz exzellente Arbeit machen. Da können wir etwas für den Handball in der Region tun und stolz sein“, betont Yavuz. Das auch der Leistungshandball ein Aushängeschild sei, dem möchte man keinesfalls wiedersprechen. Aber man wisse dass Leistungssport ohne eine vernünftige Basis, nämlich den Breitensport, keine Chance besitzt. Sollte sich in den nächsten Jahren wieder etwas in Richtung Leistungssport entwickeln, dann möchte man dem auch Rechnung tragen. „Das muss dann aber auf einem festen Fundament stehen und Nachhaltigkeit besitzen“, so Yavuz.